Politische Bildung

Erinnerungskultur am Asam

Die sogenannte „Oral History“ ist der Ursprung der Geschichtsschreibung. Bevor sich die griechische Schriftkultur entwickelte, wurden Ereignisse mündlich tradiert. Die ersten Historiker, Herodot und Thukydides, bezogen ihr Wissen um die Ereignisse, die sie beschrieben, oft von Zeitzeugen, die sie befragten. Dabei wählten sie ihre Quellen sorgfältig aus.

Wenn ein Historiker einen Zeitzeugen befragt, gibt es einige Grundsätze, die er beachten muss. Es ist unvermeidlich, dass ein Zeitzeuge Erinnerungsverluste hat. Auch Prozesse der Verdrängung oder des Wertewandels beeinflussen die Erzählungen – allerdings zu unterschiedlichem Maß: gerade Alltägliches wird meist mit großer Zuverlässigkeit erinnert, wegen seiner zyklischen Natur. Natürlich gibt ein Zeitzeuge seine eigene Geschichte wieder, ist also nicht zwingend repräsentativ. Seine Erzählung richtet sich zudem stets an ein Publikum – den Historiker oder die Schulklasse, etwa – und selbstverständlich nimmt der Zeitzeuge auf dieses Publikum Rücksicht. Auch die Fragen, die gestellt werden, beeinflussen seinen Bericht.

Der Besuch eines Zeitzeugen bedarf also intensiver Vorbereitung. Die Schüler müssen sich mit den relevanten Themen bereits im Vorhinein im Unterricht auseinandergesetzt haben. Fragen müssen mit Bedacht formuliert worden sein. Die Möglichkeiten und Grenzen des Gesprächs müssen ausgelotet worden sein und die Schüler müssen ein quellenkritisches Problembewusstsein entwickelt haben.

Wenn dies alles berücksichtigt wurde, sind Zeitzeugengespräch von großem pädagogischen Wert. Zeitzeugengespräche machen Geschichte lebendig. Das Vergangene wird konkret und vorstellbar, die Distanz zu Ereignissen, die 30, 50 oder 70 Jahre her sind wird verringert. Die Schüler treten in Kontakt mit einer anderen Generation. Durch die Schicksale, denen sie begegnen, lernen sie Achtung und Respekt. Vorurteile werden abgebaut. Geschichte mündlich zu erfahren ist für viele Schüler auch einfacher, als mit schriftlichen Quellen umzugehen. Mit einem Zeitzeugen können sie interagieren, sie können ihn befragen und aktiv Bezüge zu ihrer eigenen Lebenswelt herstellen. Die Schüler sind somit an der Entstehung einer Quelle – des konkreten Zeitzeugengespräches – aktiv beteiligt.

Die Geschichtsfachschaft am Asam-Gymnasium ist sich der Bedeutung und der Herausforderungen der Oral History bewusst. Zeitzeugenbesuche finden bei uns regelmäßig statt und werden wohldurchdacht vorbereitet.

Im Jahr 1972 wollte der damals 17-jährige Rainer Schneider aus der DDR fliehen. Ein Freund verriet seine Pläne an die Stasi und er wurde noch vor Beginn seiner geplanten Flucht gefasst und zu 10 Monaten Haft wegen „versuchtem ungesetzlichen Grenzübertritts“ verurteilt.

„Ich habe ihnen [der Stasi] alles gesagt. Ich hätte ihnen auch gesagt, dass ich ein Munitionsdepot zu Hause habe – ich war der Meinung, wenn ich denen alles sage, komme ich wieder raus. Ich kam dann schon raus, aus der Vernehmung, aber ich kam ins Gefängnis. Und da habe ich zum ersten Mal gemerkt: hier bist Du nichts mehr wert.“

1974 gelang ihm schließlich die Ausreise in die Bundesrepublik.

Herr Schneider ist regelmäßig in Geschichtskursen der Q11 zu Gast, berichtet über seine Erfahrungen und stellt sich den Fragen der Schüler, die so einen anschaulichen Einblick in die Funktionsweise der DDR in ihren sogenannten „goldenen Jahren“ zu Beginn der Ära Honecker bekommen.

„Ich komme als Zeuge jener Zeit in die Schulen, nicht als Richter oder Ankläger.“

Dr. hc Max Mannheimer war bis zu seinem Tod regelmäßig zu Gast am Asam Gymnasium.

Dr. Max Mannheimer wurde 1920 in der Tschechoslowakei, nahe der österreichischen Grenze geboren. Nach der Besetzung des Sudetenlandes floh seine Familie in den noch freien Teil der Tschechoslowakei, doch auch diese Flucht konnte sie nicht vor den Fängen der Nazis bewahren. 1943 wurde seine Familie festgenommen und deportiert. Dr. Mannheimer verbrachte die folgenden Jahre in verschiedenen Vernichtungs- und Konzentrationslagern der Nazis. Er verlor fast seine gesamte Familie in Auschwitz. Dennoch wandte er Deutschland nach dem Krieg nicht den Rücken zu, sondern blieb seiner Frau zu Liebe in dem Land, das ihm so viel Leid zugefügt hatte.

In bewegenden Worten schilderte Herr Mannheimer die Schrecken der Konzentrationslager. Immer wieder erzählte Herr Mannheimer aber auch von Erlebnissen, die seine beeindruckend lebensbejahende Weltsicht unterstrichen. Es ist erstaunlich, welcher Großmut und welche Zuversicht in die Menschen seinen Vortrag erfüllte, angesichts der Grausamkeiten die ihm und seiner Familie angetan worden waren.

Die Studienreferendare und Schüler zeigten sich immer wieder beeindruckt und bewegt von Herrn Mannheimers Schilderungen. Die Möglichkeiten zum Gespräch wurden intensiv genutzt und Herr Mannheimer nahm sich stets viel Zeit, die Fragen ausführlich zu beantworten. Sein wacher Geist und sein Humor, den er sich bis ins hohe Alter bewahrt hatte, führten zu einer sehr offenen Gesprächsatmosphäre.

„Vergessen, was man uns angetan hat? – Kann man nicht.“

Hugo Höllenreiner war bis zu seinem Tod regelmäßig zu Gast am Asam-Gymnasium.

Hugo Höllenreiner (Jahrgang 1933) stammte aus einer großen bayerischen Sinti-Familie. Hugo Höllenreiner wuchs in Giesing auf. Als Neunjähriger wurde er zusammen mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo er auch Opfer des KZ-Arztes Josef Mengele wurde. Onkel und Tanten starben in Auschwitz oder an den Folgen des Aufenthaltes. Über die Konzentrationslager Ravensbrück und Mauthausen kam Hugo Höllenreiner in das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Hugo Höllenreiner überlebte und wurde im April 1945 von englischen Soldaten befreit.

Hugo Höllenreiner, der bei seinen Schilderungen immer wieder um Fassung ringen musste, berichtete in erschütterndem Detail von dem Unrecht und den Qualen, die seiner Familie und ihm angetan worden waren:

„Mein Bruder, was der mitgemacht hat, ich bin klein gegen ihn. Ich kann gar nicht sagen, wie sie den hergerichtet haben. Drüben in Ravensbrück hat es geheißen, alle, die über zwölf Jahre sind, werden sterilisiert. Manfred hat sich unter der Buchse versteckt, er wollte nicht. Da haben die anderen gesagt, komm, das hat keinen Wert, du musst, sonst bringen sie dich um. Also ist er mit schlagendem Herzen hin. Hat gesagt, er war ja schon beim Doktor Mengele, das haben sie ihm nicht abgenommen. Haben aber gesehen, dass er noch verbunden war, und dann haben sie ihn noch mal operiert.“

Die Besuche Höllenreiners hinterließen die Schüler erschüttert und fassungslos. Hugo Höllenreiners Hoffnung war stets, dass das Zeugnis seines Leides die Zuhörer dazu brächte, sich für Menschenwürde und gegen Rassismus einzusetzen.

Am 10. Mai 1933 wenige Wochen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, beteiligten sich 50.000 Münchnerinnen und Münchner an der Bücherverbrennung auf dem Königsplatz, die von Studenten der beiden Münchner Universitäten und der Deutschen Studentenschaft inszeniert wurde. Verbrannt wurden Bücher von Autoren wie Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Sigmund Freud, Erich Kästner, Irmgard Keun, Heinrich Mann, Erich Mühsam, Erich Maria Remarque, Anna Seghers, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Arnold Zweig und Stefan Zweig. Ab März 1933 wurden in Deutschland (in über 50 Städten) und später in den besetzten Ländern Bücher und Bibliotheken verbrannt und vernichtet. Dem folgte die Vernichtung von Menschen und die Zerstörung von Städten und Ländern.

In München begann der Terrorakt gegen das angeblich „volkszersetzende Schrifttum“ mit einer pompösen Auftaktveranstaltung im Lichthof der Münchner Universität am 10. Mai 1933. Nach einem nächtlichen Fackelzug durch die Stadt wurde dann auf dem Königsplatz der Verbrennungsakt inszeniert, die Bücher der „Reichsfeinde“ den Flammen übergeben. Viele der 1933 verbrannten Bücher sind bis heute weitgehend unbekannt.

Wie in den vergangenen Jahren lesen jährlich unter dem Motto „München liest – aus verbrannten Büchern“ Schülerinnen und Schüler und auch Lehrer am 10. Mai aus einem der „verbrannten Bücher“.

An dieser mehrstündigen Lesung zum Gedenken an die Bücherverbrennung nehmen auch Autoren und Schauspieler teil.

Der Künstler Wolfram P. Kastner stellt jedes Jahr im Rasen des Königsplatzes an der Stelle der Bücherverbrennung von 1933 einen Brandfleck her – damit kein Gras über die Geschichte wächst.

Die Mitwirkung des Asam-Gymnasiums an der Lesung ist Teil der schulischen historisch-politischen Erinnerungsarbeit.

Schülerprojekte zur politischen Bildung

Als Leitfach der politischen Bildung hat das Fach Sozialkunde das Ziel, die Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu eigenverantwortlichem Handeln, Urteilsfähigkeit und zur Übernahme von Verantwortung in der Gesellschaft zu erziehen. Politische Bildung geschieht an unserer Schule daher nicht nur durch Wissensvermittlung im Sozialkundeunterricht, sondern auch durch Handlungsorientierung. Dies setzten wir in Gestalt von Projekte um, die einerseits die außerschulische Wirklichkeit in den Unterricht integrieren und zum anderen die Jugendlichen in die Rolle von Entscheidungsträgern schlüpfen lassen.

Bei unseren Podiumsdiskussionen debattieren Schülerinnen und Schüler mit hochkarätigen Gästen aktuelle politische und gesellschaftliche Themen. Pluralismus und Konflikt werden herbei als Teil der demokratischen Auseinandersetzung erlebt. Die Verbindung von fachlicher Vor- und Nachbereitung im Geschichts- und Sozialkundeunterricht mit der aktiven Auseinandersetzung in der Debatte ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern, Zusammenhänge zwischen gegenwärtigen Herausforderungen und historische gewachsenen Bedingungen herzustellen. Die persönlichen Begegnungen mit Mandatsträgern und anderen Experten schärft zudem das Verständnis für die soziale und politische Wirklichkeit.

Die Schülerinnen und Schüler werden auf ihrem Weg zum mündigen, rational handelnden Staatsbürger in Form von Politiksimulationen gefördert, die wir auch mit externen Partnern durchführen. Sie lernen dabei in ihren Rollen selbstbewusst eigene Interessen zu vertreten und sich zugleich verantwortungsbewusst und konsensfähig zu zeigen.

Demokratie drückt sich in erster Linie in Wahlen aus. Die Juniorwahlen, die analog zu echten Wahlen stattfinden, sollen Jungendliche dazu ermutigen, Demokratie aktiv mitzugestalten und von der eigenen Stimme Gebrauch zu machen. Das Projekt bietet damit die Möglichkeit im schulischen Rahmen Demokratie auf ganz praktische Art zu erleben und wurde am Asam-Gymnasium sowohl für die Europawahl als auch für die Bun-destagswahl durchgeführt. Wie beim echten Wahlablauf wurden zunächst Wahlbenachrichtigungen ausgegeben und Wählerverzeichnisse erstellt, um einen geregelten Wahlablauf zu gewährleisten und die Juniorwahl so realitätsnah wie möglich zu gestalten. Schülerinnen und Schüler der Q11 und Q12 fungierten als Wahlhelfer und lernten so diese wichtige Funktion bei demokratischen Wahlen kennen. Zu ihren Aufgaben gehörten unter anderem die Überwachung des Wahlablaufs sowie nach erfolgter Stimmabgabe die Auszählung der Stimmzettel. Wahlberechtigt waren alle Schülerinnen und Schüler ab der 10. Klasse.

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